Professor Dr. med. habil. Wolfgang Küpker

„Endometriose ist eine ernst zu nehmende Erkrankung“ (Teil 1)

Professor Dr. Wolfgang Küpker, ärztlicher Direktor des Kinderwunsch- und Endometriosezentrums IVF Baden-Baden, setzt sich seit rund 30 Jahren dafür ein, das Bewusstsein für die Unterleibserkrankung Endometriose zu schärfen. Im Interview mit unserer Blogredaktion spricht er unter anderem über Ursachen, Diagnoseverfahren und Therapiemöglichkeiten für Endometriosepatientinnen mit und ohne Kinderwunsch.

Heute präsentieren wir Ihnen den ersten Teil des Gespräches, in dem der Spezialist für operative Gynäkologie erläutert, wie Endometriose entsteht, unter welchen Symptomen Betroffene leiden und weshalb die Erkrankung auch zu einer psychischen Belastung werden kann.

Herr Professor Küpker, was ist eine Endometriose?

Endometriose ist eine sehr komplexe, systemische Erkrankung der inneren weiblichen Geschlechtsorgane. Diese sorgt dafür, dass gebärmutterschleimhautähnliche Zellen außerhalb der Gebärmutter auftreten und mit anderen inneren Organen wie der Blase, dem Eileiter, der Eierstöcke, dem Darm oder dem Bauchfell verwachsen. Dort beginnen sie dann zu wuchern. Am häufigsten sind der Bauchraum und das kleine Becken betroffen. Unter bestimmten Umständen können sich die Zellen aber auch im ganzen Körper ausbreiten.

Wieso wachsen diese Zellen?

Verantwortlich ist das körpereigene Östrogen, das Frauen mit einem normal ablaufenden Zyklus bis zur Zyklusmitte bilden. Es fördert unter anderem das Heranreifen der Eizelle und den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Leider sorgt das Hormon auch dafür, dass die Zellen außerhalb der Gebärmutter wachsen oder sich vermehren. Diese bilden dann kleine Blutgefäße und Nerven, mit denen sie sich quasi an das Versorgungssystem des Körpers anschließen. So ergibt sich ein Circulus vitiosus: Der Endometrioseherd wächst und die betroffenen Organe werden sensibler. Das kann eine immunologische Störung zur Folge haben, die dazu führt, dass Immunsubstanzen gebildet werden. Auch Schmerzsubstanzen entstehen, die dann ins gesamte Nervensystem übergehen und sich im Gehirn manifestieren können. So entwickelt sich ein ewiger Kreislauf, bei dem die Endometrioseläsion von Zyklus zu Zyklus immer weiter wächst, sich vermehrt und immer mehr Beschwerden verursacht.

Welche Symptome können bei einer Endometriose auftreten?

Endometriose äußert sich auf ganz unterschiedliche Weise und in verschiedenen Ausprägungen. Ein Kardinalsymptom ist die Dysmenorrhö, die schmerzhafte Regelblutung. Diese entsteht, wenn die Endometrioseherde an der Gebärmutterwand anwachsen und das typische Bewegungsmuster der Gebärmutter stören. Dadurch kommt es zu einer höheren Ausschüttung des Schmerzbotenstoffes Prostaglandin, der eigentlich die Bewegung der Gebärmuttermuskulatur unterstützt und unter anderem auch Wehen verursacht.
Zwischenblutungen, wiederkehrende Bauch- und Rückenschmerzen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sind ebenfalls möglich. Darüber hinaus kann die Erkrankung zu Unfruchtbarkeit führen, weil die dadurch im Körper entstehenden Immun- und Entzündungssubstanzen eine Schwangerschaft verhindern. Einige Patientinnen haben überhaupt keine Beschwerden und bemerken erst, dass etwas nicht stimmt, wenn sie einen unerfüllten Kinderwunsch haben.

Wie entsteht eine Endometriose?

Letztlich handelt es sich um ein sehr komplexes Krankheitsbild, das in der Tiefe noch nicht endgültig verstanden wird. Dank neuer Technologien gewinnen wir aber immer wieder neue Erkenntnisse. Eine Theorie, die seit den 1920er-Jahren diskutiert wird, ist die der retrograden Menstruation, also die Verschleppung der Schleimhautzellen in den Bauchraum. Vertreter dieser Theorie stellen es sich so vor: Während bei einer gesunden Frau die Gebärmutterschleimhaut mit der Regelblutung aus dem Körper gespült wird, gelangen einige ihrer Bestandteile im Falle einer Endometriose durch die offenen Eileiter rückwärts in den Bauchraum und wachsen dort an. Das mag durchaus vorkommen, heute gehen Experten aber eher davon aus, dass defekte Stammzellen im Knochenmark und im Blut für die Entstehung einer Endometriose verantwortlich sind. Es handelt sich um Vorläufer der Schleimhautzellen, die eigentlich zur Reparation der Schleimhaut nach der Regelblutung beitragen sollen. Forscher vermuten, dass diese Zellen in der Lage sind, sich zu einer anderen Stelle im Körper zu bewegen und dort Endometrioseherde zu bilden. Das würde bedeuten, dass bei Frauen mit Endometriose eine genetische Prädisposition vorliegt.

Wie viele Frauen sind von Endometriose betroffen?

Gesichert ist, dass mindestens jede zehnte Frau an Endometriose erkrankt. Aus meiner Erfahrung heraus gehe ich davon aus, dass sogar jede siebte Frau betroffen ist. Endometriose zählt damit zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen unserer Zeit.

Wenn die Erkrankung so viele Menschen betrifft, warum ist sie dann in der Gesellschaft weitgehend unbekannt?

In Deutschland ist das Bewusstsein für die Erkrankung tatsächlich noch immer sehr gering. In vielen Fällen werden die Beschwerden als typische Menstruationsprobleme abgetan. Häufig wird betroffenen Frauen von Ärzten oder Angehörigen gesagt: Menstruationsschmerzen sind normal, stell dich nicht so an. Das ist hochgradig zynisch. In Amerika ist das ein bisschen anders: Da sprechen viele prominente Frauen über Endometriose und machen so auf die Erkrankung aufmerksam. Hier in Deutschland wird das Thema weitgehend totgeschwiegen.

Heißt das, viele Frauen wissen gar nicht, dass sie an Endometriose erkrankt sind?

Studien haben gezeigt, dass es vom Beginn der Symptomatik bis zur Diagnose im Durchschnitt zehn Jahre dauert. Bei Frauen mit Kinderwunsch geht es oft ein bisschen schneller, weil bei einer ausbleibenden Schwangerschaft eher eine Bauchspiegelung durchgeführt wird, bei der die Endometrioseherde dann entdeckt werden.

Entstehen dadurch nicht auch psychische Belastungen?

Ja, definitiv. Viele Frauen, die zu uns kommen, haben einen langen Leidensweg hinter sich. Einige sind von einem zum anderen Arzt geschickt worden oder haben die verschiedensten Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen, ohne einen Befund zu erhalten. Hinzu kommt, dass viele Patientinnen durch die Endometriose im Alltag stark beeinträchtigt sind. Einige kämpfen während der Periode nicht nur mit Schmerzen, sondern auch mit Übelkeit, Erbrechen, Unwohlsein oder Ohnmachtsanfällen. Man kann sich vorstellen, wie schlimm es ist, wenn man starke Schmerzen hat und Ärzte oder Angehörige einem vorwerfen, man bilde es sich nur ein. Darunter leidet natürlich auch die Psyche.

Viele unserer Patientinnen sagen nach der Erstberatung: Endlich hat mir mal jemand zugehört. Zuvor seien ihre Beschwerden einfach nicht ernst genommen worden. Und das darf nicht sein: Endometriose ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die starke Beeinträchtigungen nach sich ziehen kann. Deshalb ist es wichtig, die Erkrankung frühzeitig zu diagnostizieren, zu behandeln und kontinuierlich zu beobachten.

Sie möchten mehr über Endometriose erfahren? In Kürze präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle den zweiten Teil des Interviews. Darin erläutert Professor Dr. Wolfgang Küpker unter anderem, welche Diagnose- und Therapieverfahren zur Verfügung stehen. Außerdem erfahren Sie, wie das Team des IVF Baden-Baden bei Endometriosepatientinnen mit und ohne Kinderwunsch vorgeht.