„Wir kreieren Leben“

Um Ihnen einen kleinen Einblick in die Arbeit unserer Labormitarbeiter zu bieten, haben wir unsere Embryologin Laura Van Os Galdos zum Interview gebeten. Mit unserer Blog-Redaktion sprach sie ausführlich über den Alltag im IVF-Life-Labor.

Heute präsentieren wir Ihnen den zweiten Teil des Interviews. Darin erfahren Sie, wie sich eine In-vitro-Fertilisation (IVF) von einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) unterscheidet, wie ein Embryo für den Embryonentransfer ausgewählt wird und wie sich verhindern lässt, dass Proben verloren gehen.

Frau Van Os Galdos, wie unterscheidet sich das Vorgehen bei einer konventionellen In-vitro-Fertilisation vom Vorgehen bei einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion?

Bei der konventionellen IVF verarbeiten wir Spermienproben fast genau wie bei einer ICSI. Der einzige Unterschied liegt darin, dass bei letzterem Verfahren das Nährmedium im Inkubator verbleibt.

Bei einer IVF bereiten wir eine Schale vor, in der wir die in der Nährlösung befindlichen Eizellen platzieren. Wir verdünnen die Spermaprobe dann auf eine niedrigere Konzentration als bei einer ICSI. Jeder Eizelle wird eine kleine Menge der verdünnten Spermaprobe hinzugefügt, damit eine Befruchtung stattfinden kann. Unter dem Mikroskop können wir anschließend beobachten, ob sich die Spermien zur Eizelle bewegen. Die Schale wird bis zum nächsten Tag im Inkubator belassen. Dann prüfen wir, ob eine Befruchtung stattgefunden hat.

Wenn wir eine ICSI durchführen, müssen wir die Eizellen aus der Nährlösung entnehmen, um festzustellen, ob sie reif sind. Das heißt, wir müssen die Zellschichten entfernen, die die Eizellen umgeben. Unter dem Mikroskop wählen wir sorgfältig geeignete Samenzellen aus der Samenprobe aus. Diese werden etwa 3,5 bis 5 Stunden nach der Eizellentnahme in die Eizelle mikroinjiziert. Für einen Embryologen dauert die Durchführung eines ICSI-Eingriffs einige Stunden länger als eine herkömmliche Insemination.

In welchen Fällen kommt das IVF-Verfahren und in welchen Fällen kommt das ICSI-Verfahren zum Einsatz?

ICSI wird in Fällen benutzt, in denen die Spermien- oder die Eizellenqualität beeinträchtigt ist. Da die IVF-Fertilisationsraten niedriger sind, setzen wir die IVF nur in Fällen ein, in denen wir viele Eizellen haben und in denen sowohl die Spermien- als auch die Eizellenqualität gut ist. Im Allgemeinen bevorzugen wir die ICSI gegenüber der IVF.

Wie wird ein Embryo für den Embryonentransfer ausgesucht? Welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?

Nicht alle befruchteten Embryonen sind vital, das heißt, einige von ihnen haben nicht die Fähigkeit, zu einer erfolgreichen Schwangerschaft zu führen. Während der Behandlung ist der Körper in der Lage, mehrere Eizellen zu produzieren, aber nicht alle sind dazu bestimmt, Babys zu werden. Dies ist ein natürlicher Selektionsprozess. Um zu wissen, welche geeignet sind und welche nicht, lassen wir die Embryonen fünf bis sechs Tage kultivieren. Dann wissen wir mehr über die Qualität der Embryonen und können die lebensfähigen Exemplare für den Transfer auswählen.

Wie viele Embryonen werden in der Regel übertragen und wann gibt es Ausnahmen?

Normalerweise wird nur ein Embryo übertragen. Der Grund dafür ist, dass der Transfer von zwei Embryonen zwei Hauptrisiken birgt: Der erste ist, dass bei einer Zwillingsschwangerschaft, die erfolgreiche Entwicklung des einen Embryos verhindert werden könnte, wenn der andere zu einer Fehlgeburt führt. Zweitens haben Zwillingsschwangerschaften im Allgemeinen ein sehr hohes Komplikationsrisiko für das Baby und die Mutter. Unter anderem steigt das Risiko, dass eine Frühgeburt, Bluthochdruck oder eine Präeklampsie auftreten.

Patienten können sich aber auch entscheiden, zwei Embryonen transferieren zu lassen. Dies ist meist dann der Fall, wenn es unwahrscheinlich ist, dass sich beide Embryonen einnisten.

Wie wird sichergestellt, dass Proben im Labor nicht vertauscht werden oder verloren gehen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Risiken hinsichtlich solcher Verwechslungen zu minimieren. Die erste besteht darin, Protokolle zu erstellen, die das Risiko eines solchen Ereignisses reduzieren. Zum Beispiel wird immer nur eine Samenprobe auf einmal verarbeitet.

Zudem ist ein gutes Qualitätsmanagementsystem wichtig, das alle möglichen Risiken berücksichtigt und Regeln und Protokolle aufstellt, um Verwechslungen zu verhindern. Daneben arbeiten wir in IVF-Laboren heutzutage oft mit Witnessing-Systemen, also speziellen elektronischen Etikettiergeräten, die darauf ausgelegt sind, jeden Schalenwechsel nachzuvollziehen und eine Verwechslung zu verhindern. Viele Labore verwenden auch Protokolle zur visuellen Überwachung, um sicherzustellen, dass jeder Schritt immer doppelt überprüft und von zwei Personen unterzeichnet wird.

Haben Sie auch direkten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten? Was ist im Umgang mit Patientinnen und Patienten wichtig?

Im Labor haben wir normalerweise Kontakt mit Patientinnen, sobald ihre Eizellentnahme erfolgt ist. Wir sprechen mit ihnen am Tag der Eizellentnahme und informieren sie auch am nächsten Tag über das Befruchtungsergebnis. Wir sprechen auch mit Patientinnen und Patienten während des Transferverfahrens und geben ihnen Informationen über ihre Embryonen und den Verlauf des Zyklus. Außerdem sind wir in der Regel dafür verantwortlich, männlichen Patienten die Ergebnisse ihrer Spermienanalyse zu erklären und sie über ihre Möglichkeiten zu informieren. Im Allgemeinen haben wir im Alltag viel Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Wie in jeder anderen medizinischen Situation ist es wichtig, respektvoll und empathisch zu sein.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Oh ja, mir fallen viele ein. In der Regel sind es die Patientinnen, mit denen Sie den meisten Kontakt hatten und die einen schwierigen Weg bis zur Schwangerschaft hinter sich gebracht haben, weil dafür zum Beispiel viele Versuche durchgeführt werden mussten. Diese Fälle bleiben besonders in Erinnerung und sind gleichzeitig auch besonders erfüllend.

Wie eng arbeitet das Labor mit anderen Bereichen des Kinderwunschzentrums zusammen?

Die Arbeit in einer IVF-Klinik ist Teamarbeit. Jedes Mitglied ist für den späteren Erfolg des Patienten genauso wichtig wie jedes andere. Embryologen haben in der Regel ziemlich viel Kontakt mit Krankenschwestern, Ärzten und Koordinatoren der Patientenversorgung. Sie koordinieren die gesamte Organisation des Zyklus und informieren uns über alles Wichtige, das wir wissen müssen. In den Operationssälen arbeiten wir ebenfalls eng zusammen.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten werden für die Arbeit im Labor gebraucht?

Ein Embryologe sollte detailorientiert, dynamisch, verantwortungsbewusst und ein guter Teamplayer sein. Wichtig ist auch, Druck aushalten zu können und eine gewisse Empathie mitzubringen.

Wie schnell verändert sich die Laborarbeit? Wie schwierig ist es, immer auf dem neuesten Stand zu bleiben?

Die assistierte Reproduktion ist ein relativ neues Gebiet und hat sich daher im Laufe der Jahre stark verändert. Für Menschen, die vor zwei oder drei Jahrzehnten mit der Arbeit begonnen haben, ist es manchmal schwierig, sich an diese Veränderungen anzupassen. Tatsächlich ist dies nicht allen gelungen. Immerhin haben sich von den eingesetzten Geräten bis hin zu den Qualitätsrichtlinien viele Aspekte verändert.

Obwohl es für einen erfahrenen Embryologen nicht schwierig ist, eine neue Technik zu erlernen, müssen wir uns ständig weiterbilden und informieren, um auf dem Laufenden zu bleiben. Was noch kommt, wissen wir nicht, aber in letzter Zeit scheint es viele Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz zu geben. Diese Neuheiten könnten schon bald in unseren Laboren implementiert werden.

Was gefällt Ihnen persönlich an Ihrer Arbeit? 

Was wir tun, ist wirklich wichtig: Wir kreieren Leben und helfen Menschen, die keine Kinder haben können, ihren Traum zu erfüllen und eine Familie zu gründen. Dieses Ergebnis ist sehr erfreulich.

 

Laura Van Os Galdos

Die Embryologin Laura Van Os Galdos (30) schloss ihr Studium der Biotechnologie an der Universität von Salamanca (Spanien) ab. Ihren Master in Biomedical Sciences absolvierte sie an der Universität Amsterdam (Niederlande). Sie spezialisierte sich auf menschliche Reproduktion an der Universität Valencia (Spanien) und absolvierte ihre Ausbildung in einer Fruchtbarkeitsklinik in Madrid. Seit August 2016 ist sie Teil des IVF-Life-Teams.